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Höhere Technische Bundes- Lehr-
und Versuchsanstalt
Reichsstraße 4
6900 Bregenz
Tel. 05574/42125
Fax 05574/42125-10
Email: htl.bregenz@cnv.at |
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| Kunst am Bau
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"Sprache sehen" |
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Bemerkungen zur "Kunst am Bau"
Die baukünstlerische Ausgestaltung des Erweiterungsbaues, ihr
Zusammenhang mit Architektur, Technik und Schulgeschehen, aber
auch die heftigen Reaktionen auf diese Art moderner Medienkunst
bewegten zu folgendem Text, der, so der Autor Prof. Mag. Erich
Troy, selbst die Sprache und das Denken in ihr sehen läßt.
Installation „Sprache sehen“
Annähern
Der neue Erweiterungsbau der HTL Bregenz weicht vom Altbau farblich
und gestalterisch kontrastreich ab, entfaltet aber auch in sich
aufregende Gegensätzlichkeiten und Abweichungen. Außen
wie innen wechseln spannungsreich hell / dunkel, horizontal / vertikal,
offen / geschlossen, folgen überraschende Abweichungen vom
bisher Erwartbaren: so etwa durchwegs hellere Gänge als Klassenräume,
schmale Brücken zu viel breiteren Türen, aus schwarzem
Boden grelles Licht von unten, statt eines geräumigen, hellen
Stiegenhauses drei enge, z. T. düstere, den Blick ins Freie
ver- wehrende Betonschächte. Unter diesen nochmals abweichend
der nach außen weithin sichtbare Turm der neuen Hauptfassade
als Pendant zu jenem des Altbaus.
Wie dieser Symbol der Macht, aber rätselhafter,
weil fensterlos, undurchsichtig, wie die
anderen
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Stiegenhausschächte
etwas geheimnisvoll verbergend: die pure Abweichung. Nach
innen zunächst nur leere, abgrundtiefe, schwindelerregende
Schächte mit jeweils weißen Wänden und schwarzem
Grund. Digtales Farbmuster, „ein-bit-ig“ informationsarm.
In diese informationsarmen Schächte ragen die Wendeplateaus
der Stiegenaufgänge wie Aussichtskanzeln hinein, den
Blick freigebend auf das distanzierte, stille, noch schweigende
Weiß der Wände, nach außen aussichtslos.
Filigrane Stahlstabgeländer lenken die eng kanalisierten,
oft lauten Besucherströme hart am Abgrund vorbei, bilden
die lebensgefährliche Grenze zwischen chaotischen Bewegungen
und freiem Fall in die Tiefe der abweichenden Schächte.
Dramatische Akzente, architektonisch bewußt gesetzt.
Anschwellen der Schülerströme am Rande der Unterrichtszeiten,
aufwärts, abwärts und unvermittelt gegeneinander
im engen Wendekreis der „Aussichtskanzeln“: Intensität
der Beweung im Zwischenraum der Geschoße: Laute Fülle
des Lebendigen am Rande des Mangels ... Leere des Raums, weißschweigende
Wände. An einem dieser Schauplätze im Juli 1996:
Merkwürdiges Hin und Her, Auf und Ab, Wenden und
Schwenken, Kopfschütteln und Blinzeln ... Dramatische
Momente auch im Wettbewerb um die künstlerische Ausgestaltung
des Erweiterungbaus: endgültige Entscheidung über
Sieg oder Niederlage. |
Die in Wien lebende und arbeitende Vorarlberger
Medienkünstlerin Ruth
Schnell gewann das Rennen; drei weitere Bewerber schieden
aus. In Museen, Ausstellungen, Galerien, Kunstmessen nähern
sich interessierte Besucher den Kunstwerken, zahlen freiwillig.
Besucherströme - Geldströme
- überwiegend Marktmachtdynamik. Und beim
staatlichen „Auslober“? Preisvorgabe - ein bißchen Wettbewerb
- Entscheidung - Auftragserteilung - Kunstwerklieferung - Geldstrom.
Überwiegend Machtmarktdynamik. Zwangsbeglückte
Schüler und Lehrer? Verschwendung öffentlicher Steuergelder?
Von den Architekten aufgespartes, schwach einprozentiges Restscheibchen
vom Auftragskuchen für ästhetischen Aufputz? Wie hat sich
Ruth Schnell im Bewußtsein dieser Problematik der besonderen
baulichen und schulischen Situation der HTL Bregenz genähert?
Unerwartet einfühlend, behutsam, unaufdringlich und zurückhaltend:
technisch raffiniert mit äußerster Reduktion auf die
bauliche Ausgangslage antwortend. In die stabförmig
hochragenden Stiegenhäuser genau im Blickfeld der bewegungsdichten
„Aussichtskanzeln“, vis a vis der Stahlstabgeländer
in weißschweigender Wand installiert: Buchstaben,
Worte, Sprache generierende Leuchtstäbe. Installation
„Sprache sehen“. Sich mit einem Dutzend rotleuchtender „I“ auf weißer
Fläche geheimnisvoll einschreibend, das Wesentliche verbergend.
Von hier aus Entgrenzen der Sprache, des Raumes, der Zeit. Vielleicht
mehr ahnend als wirklich wissend, aber letztlich nicht weniger geglückt,
näherte sich Ruth Schnell der schulischen Situation. Die tatsächlich
formulierten Absichten ihres künstlerischen Konzepts sind zwar
nicht unbedeutend, verglichen mit den möglichen aber harmlos,
ihre praktische Umsetzung bis jetzt noch traurig wirkungslos. Eigendynamik
der Abweichung? Das interaktive Kunstwerk „Sprache sehen“ spricht
ohnehin für sich und durch andere in deren Eigenbewegung, entfaltet
sich erst in einem komplexen Zusammenspiel von Architektur, Technik
und Schulgeschehen: ein offenes, dynamisches, prozeßhaftes
Geschehen mit wechselnden Akteuren als eigenverantwortliche Teile
eines kontinuierlich variierenden künstlerischen Gestaltungsprozesses
ungeheurer Potentialität. Darin verweist es in vielschichtigen
Zusammenhängen auf elementarste Vorgänge schulischen Geschehens,
thematisiert die Problematik der Wahrnehmung, des
Erkennens und Denkens, der Sprache,
Schrift, Technik, die Rolle der Medien,
die Bedeutung der Information und vieles mehr.
Aber eben nur durch die gedankliche Anstrengung der Betrachter oder
„Seher“. Damit ist zwangsläufig jeder seines eigenen Glückes
Schmied und sieht wiederum nicht, was er nicht sieht. Nur ein verwirrendes
Spiel?
Spielen und bewegen
Techniker installieren beispielsweise Anlagen, Geräte, Bauteile
wie Festplatten und Chips. Diese Fachbegriffe bezeichnen zunächst
Gegenständliches, Festes. Es gibt aber auch Wasser-, Gas-,
Elektro- und Lichtinstallationen. Obwohl die Handwerker noch Gegenständliches
wie Leitungen und Schalter montieren, bezeichnen diese Fachbegriffe
schon das transportierte Medium, das Abstraktere der unterschiedlichen
Aggregatzustände: Flüssiges, Gasförmiges, Energetisches.
Und schließlich installieren Techniker auch Steuerungen oder
Programme in Computer. Diese „termini technici“ bezeichnen dimensionslose
Information, also etwas Hochabstraktes und sind selbst hochabstrakt.
Information bezeichnet Information. Ende der „begrifflichen Ausbaustufen“.
Trotzdem Selbstverständliches und Vertrautes im Reich der Techniker.
Aber Installation „Sprache sehen“? Da steht der weniger kunstinteressierte
Techniker vorerst an. Zwar ist ihm jedes Wort vertraut, aber die
Gesamtmischung unverdaulich. Woher sollte er auch wissen, daß
der Begriff „Installation“ mittlerweile sogar eine eigenständige
Kunstgattung bezeichnet? Aus seiner Handlungs-, Begriffs- und Erfahrungswelt
blitzt kein Verständnis auf, er kann damit nichts anfangen.
Kopfschütteln. Etwas Neues, Unvertrautes, Fremdes ... Verunsicherung,
Irritation. Die Palette der Reaktionen reicht von entschiedener
Ablehnung über gleichgültiges Ignorieren bis hin zu freudiger
Zustimmung. Zur bisherigen Auseinandersetzung und Rezeption läßt
sich erst eine vorläufige Bilanz ziehen: Danach wird der erste
Eindruck eines weniger kunstinteressierten Technikers nicht so sehr
vom magischen Effekt der Buchstaben- und Wortgenerierung beherrscht,
sondern von der Frage nach dem Wie des Funktionierens
dieses offensichtlich rein technischen Kunstwerkes. Eine Bemusterung
des am meisten interessierenden technischen Aspekts verspricht den
größten Erfolg beim Erkunden und Erkennen des Neuen,
bringt Lustgewinn und Entdeckerfreude. Näheres verrät
die technische Beschreibung: Die auf drei Stiegenhäuser verteilte
Installation umfaßt insgesamt 12 vertikale Leuchtstäbe
mit je 64 superhellen Leuchtdioden, die mittels Computer so angesteuert
werden, daß durch den „Nachzieheffekt“ des menschlichen Auges
Wörter abgebildet werden können.
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Durch die Trägheit der
optischen Wahrnehmung wird eine rasch bewegte punktförmige
Lichtquelle oder - umgekehrt - eine unbewegte Lichtquelle
durch eine schnelle Kopfbewegung als Lichtstreifen gesehen.
Diesen Verzögerungseffekt der Wahrnehmung nutzen schon
lange Film und Fernsehen. Alles klar. Geglückte
Enträtselung des Magischen, Zauberhaften. Die technische
Beschreibung gibt weiter Auskunft: „Bei 11 (von 12) Leuchtstäben
soll pro Leuchtstab ein Wort wahrnehmbar sein, das 2 x am
Tag durch ein Neues ersetzt wird. Die Wörter werden durch
einen Zufallsgenerator aus einem dem jeweiligen Leuchtbalken
zugeordneten Speicher (der ca. 600 Wörter beinhalten
kann) ermittelt.“ In den zwölften Leuchtstab können
von der Bibliothek aus neue Wörter bis max. 8 Buchstaben
mittels PC frei eingegeben werden. Die schnelle Ansteuerung
der Leuchtdioden übernimmt ein Mikroprozessor, das dazugehörige
Programm ist auf einem Eprom mit 512 KB eingebrannt. Prinzip
und Funktion werden rasch erkannt, technische Details und
Programmierung im Unterricht behandelt, die Neugier befriedigt.
Und da die Kunst im Grunde genommen „téchnê“,
nämlich das Herstellen neuer Dinge ist, und „téchnê“
ursprünglich Kunst bedeutet, wäre theoretisch ja
das Wesentliche erkannt, das Interesse erschöpft. Doch
weit gefehlt, Techniker fordern praktische Erprobung, Kosten-Nutzen-Analyse
und hohen Wirkungsgrad. |
Im Rahmen einer Projektarbeit untersuchten erwachsene
Schüler eines Aufbaulehrganges mittels umfangreicher Datenerhebung
die Wirkung dieses Kunstwerks auf Schüler, Lehrer und
- am Tag der offenen Tür - auch auf außenstehende Besucher.Das
Ergebnis ist empörend. Nur etwa 5 % der Befragten konnten auf
Anhieb ganze Wörter erkennen, also äußerst schlechter
Wirkungsgrad. Somit zweifelhafte Funktionalität. Und da die
von der Künstlerin kalkulierten Materialkosten ein Vielfaches
der von den Schülern recherchierten betragen, wurde der latente
Verdacht rasch erhärtet, daß „derlei“ zeitgenössische
Kunst Nepp und Schwindel sei, bestätigt durch die allgemeine
Meinung von über 80 % der Befragten, die von Steuergeldverschwendung
sprachen. Das Kunststück - so die kritische
Meinung der Schüler - bestehe eher darin, „einer öffentlichen
Einrichtung 12 rotblinkende Stäbe zum Preis von je einem Kleinwagen
zu verkaufen...“ Bei bloßer Input-output-Betrachtung dieser
Leuchtstab-Wortmaschinen ist diese Schlußfolgerung nicht verwunderlich.
Input: Strom - output: Rotlicht-Strich. Kunst?? Kopfschütteln
- plötzlicher Output: im Raum schwebende Buchstaben - heftiges
Kopfschütteln: zufällig ganze Wörter. Erhebliche
Abweichung vom Soll: „Die Sprachmaschine hält nicht, was sie
verspricht“: Schwindel. Hält sie es, verursacht schnelles Kopfschütteln
Schwindel. Die Freude am Spiel wird den meisten verdorben. „Glump“,
geglückte Entlarvung des geheimnisvoll Neuen aus der weltbeherrschenden
technisch-ökonomischen Sicht. Resultat: Ein mittelteures Kunstwerk
wird in den Gesprächen oder Diskursen nicht nur der Techniker
vorschnell zu Sinnschrott oder beispielsweise zur „brauchbaren Notbeleuchtung“
erklärt. Scheinbar erkannt und doch gründlich verkannt.
Kommunikation, Medien,
Kunst und Technik folgen dem
unaufhörlichen Wechselspiel oder dem Oszillieren
von Neuem und Altem, der ungeheuren Informationsdynamik,
die stets Neues schafft und im Bekanntwerden zu Altem vernichtet.
Dieses Spiel thematisiert die Medienkünstlerin
Ruth Schnell mittels neuester Technik auf der Ebene
sprachlicher Kommunikation, interaktiv, mit unbekannten
Mitspielern und ungewissem Ausgang. Sprache werde innerhalb fließender
Grenzen definiert, lexikalisch und grammatikalisch in der Sprachlehre
einengend normiert bzw. kanonisiert, „weswegen sprachliche Überschreitungen
an Schulen als Entgleisungen empfunden und möglichst unterdrückt
werden.“ Im offiziellen Sprachgebrauch des Unterrichts gelten überdies
auch engere moralische Grenzen, deren Überschreitung diszipliniert
wird. Für den kreativen Prozeß der Spracherweiterung
hätten aber moralische Überlegungen keine Bedeutung. „Das,
was die Schüler in der Schule eigentlich lernen und dann doch
nicht dürfen, die Grenzen der Sprache ins Amoralische oder
Unsinnige überschreiten“, sollte mittels „ ‚elektronischer
Graffitis‘ sachte möglich werden.“ Der provozierende Einbruch
des abweichend Neuen in den trauten Schoß des Geregelten wird
aber so kaum gespielt. Paradoxerweise wird diese Absicht überwiegend
unabsichtlich realisiert. Gerade das Unterschreiten der Grenzgeschwindigkeit
zur vollständigen Worterkennung erzeugt laufend Unsinniges,
mitunter zufällig Obszönes, dadaistisches Wortgestammel.
Nicht grenzüberschreitende kreative Spracherweiterung ereignet
sich, sondern Unterschreitung der Wortgrenzen, Wortzerfall in Buchstaben,
Auflösung des Sprachcodes. Die Kommunikation läuft, „wenn
es nicht läuft.“ Sprache sehen in ihrem Scheitern. Tieferes,
Grundlegenderes erblicken. Darin zeigen, was dem Kunstwerk
eigen, worauf es verweist, was es symbolisiert: Den Textspeichern
der Leuchtstäbe werden durch Zufallsgeneratoren täglich
jeweils zwei neue Wörter entnommen, ihrem alten Kontext entrissen
und im neuen der Stiegenaufgänge durch „elektronische Schießscharten“
auf die lebendigen „Bildschirme“ bewegter Augen abgefeuert. Lichtsignalübertragung
zwischen zwei operativ geschlossenen, aber energetisch offenen Systemen,
maschinell das eine, biologisch, sich selbst organisierend (autopoietisch)
das andere, programmgesteuert beide. Im einen radikale Reduktion
der Sprache auf ihre kleinsten Informations- und Wahrnehmungseinheiten,
im anderen deren Wiederaufbau zu Buchstaben und Wörtern im
geglückten Zusammenspiel von Sinneswahrnehmung und Körperbewegung.
Sensorium und Motorium wirken dabei zirkulär aufeinander, bilden
einen elementaren Kreislauf, Beweggrund
und Ursprung von Wahrnehmung,
Sprache und Denken. Wahrnehmungs-
unterschiede aktivieren in diesem kybernetischen Zirkel die Bewegung
und Bewegungsunterschiede die Wahrnehmung. Der Sinn der Signale
des Sensoriums wird durch das Motorium bestimmt und umgekehrt. Diese
gegenseitige hochselektive Steuerung und ihre Verbindung zu Denkvorgängen
ist grundlegend. Sie ermöglicht räumliches Sehen, Erkennen
und Verstehen. Das zeigt auch unsere Sprache: „Wahr-nehmen“, „be-greifen“,
„er-fassen“, „ver-stehen“! Oder wie der Neurobiologe Humberto Maturana
sagt: „Wir sehen mit unseren Beinen.“ Das Sensorische der Alltagsbedeutung
verschmilzt mit dem Motorischen des Wortursprungs. Verben, Zeit-
oder Tunwörter bilden den bewegenden Wortursprung
der Sprache, ihren begrifflichen Boden. Die darunterliegenden Einheiten
sind noch weltbewegender und fundamentaler, genial einfach und doch
kaum begreifbar: Wechselspiel von Form und Bewegung in Raum und
Zeit. Die logische Struktur der Bewegung bestimmt die logische Struktur
des Denkens (Annäherung: Ja - Abwendung: Nein; in Verbindung
mit Zeichen: Wahr - Falsch). Das Denken strukturiert wiederum die
Bewegung logisch in Unterschiede des Raumes und der Zeit. Unterscheiden
und übereinstimmen. Zerlegen und zusammenbauen. Entfalten und
schrumpfen. Bewegte Lichtpunkte zu Linien und Linien zu Punkten.
Aus eins mach zwei, aus zwei mach vier und umgekehrt. Im Vergleichen
der Dinge Unterschiede aufsuchen und damit Information erzeugen
oder im Gegenzug die Unterschiede weglassen und das Gemeinsame,
Gleiche, Allgemeine herausheben bzw. abstrahieren, Information reduzieren.
In allen Gesetzen des Denkens und der Form ist unentrinnbar und
unreduzierbar der abstrakte Unterschied im Spiel,
hinterläßt die Differenz auf Kosten
der Einheit ihre rätselhafte Spur. Sie ist die dimensionslose
Maßeinheit des binären Codes, der weltbeherrschenden
digitalen Logik, „ein-bit-ige“ Information. Gemeint ist nicht der
umgangssprachliche Informationsbegriff im Sinne von Nachricht, Mitteilung,
sondern der informationstheoretische, der auf wahrnehmbaren Unterschieden
und ihrer Auswahl beruht. Information ist relativ und entsteht erst
im Kopf eines bewegten Beobachters auf der Grundlage seiner Erfahrungen,
Interessen, Unterscheidungspotentiale und Decodierungskompetenzen.
Information ist nicht durch Kanäle übertragbar!
In den weltweiten Datennetzen werden nur codierte Signale übertragen,
Wahrnehmung, Decodierung, Bedeutung, Sinn und Informationswert liegen
demnach unübertragbar in der Verantwortung des bewegten Empfängers:
Installation einer abweichenden,
aber einleuchtenden Erkenntnis. Das Rätsel
der weltbewegenden Differenz ist ihr paradoxer Ursprung, die Einheit
eines ersten und letzten Unterschieds, Anfang und Ende aller Information.
Die Formation der Form als Schlüssel zu allem: Zentrum des
Logos. Grenze zur Performation, Exformation und Transformation.
Religion und Metaphysik geben alte Antworten und Gewißheiten,
zeitgenössische Denker neue: Selbstorganisation der Materie
und des Lebens, Selbstbezüglichkeit, Zirkularität, Einbeziehung
des Beobachters in die Beobachtung ... „Nackte Information“
oder der reine Unterschied ist der auf sich selbst bezogene. Der
Unterschied vom Unterschied ist aber die Übereinstimmung. Der
reine Unterschied ist also unrein und paradox;
er bedeutet sich selbst und sein Gegenteil. Dieser Widersinn hebt
sich in seiner Gesamtbedeutung inhaltlich auf, übrig bleibt
die sinnentleerte Form des Wortes „Unterschied“, das sich formal
nicht ändert, sondern durch die doppelte Nennung sogar formstabilisierend
verdichtet und im Gedächtnis nachwirkt. Am Ende verbleiben
die reine Form, die Leere, der Beobachter selbst und die überschrittenen
Grenzen dazwischen, Raum und Zeit beanspruchend. Formale Verdichtung
und inhaltliche Aufhebung entsprechen den beiden Grundgleichungen
und Axiomen von George Spencer-Browns genialer Unterscheidungslogik,
ein neues Kalkül, die Mathematik des Informationszeitalters,
eines der schärfsten und besten Denkwerkzeuge! Seine „Gesetze
der Form“ entwickeln sich aus einer ersten markierten Unterscheidung
im unmarkierten Raum, die wiederum eines Motivs
(Beweggrund!) bedarf, das es nicht gibt, „wenn nicht Inhalte als
unterschiedlich im Wert angesehen werden.“ Unentrinnbare Differenz
im geistig schöpferischen Kreislauf von Sensorium und Motorium.
Ursprungslosigkeit ihres Ursprungs. Weltbewegendes Spiel
des Bezeichnens und Unterscheidens im Überschreiten
grellroter Trennlinien auf weißschweigender Wand durch schnellen
Geist und bewegten Kopf aufleuchtend zur Sprache gebracht.
Im rätselhaften Wechselspiel von Energie und Materie erzeugen
vermutlich formwechselnde Superstrings im chaotisch rauschenden
Meer der Gleichwahrscheinlichkeit wiederum durch gegenseitige Aufhebung
und Verstärkung/Verdichtung bewegende Unterschiede der Form,
Energie und Materie in Raum und Zeit. Kreislauf des Werdens und
Vergehens, Lebens und Sterbens. Kreatives Wechselspiel von Information,
Performation, Exformation und Transformation im Spannungsfeld von
Zufall und Notwendigkeit. Darin bewegen wiederum unterschiedliche
Energieformen die sensomotorischen Regelkreise von Mensch und Maschine,
die ihrerseits wieder atemberaubend wechselwirken, ihre Aktions-
und Leistungsfähigkeit im gekonnten Zusammenspiel gigantisch
steigern und das heutige hochtechnisierte Weltgeschehen entscheidend
bestimmen. Auf die senso-motorische Instrumentalisierung, urprüngliche
Triebfeder der Technik, folgt am Höhepunkt menschlicher Abstraktionsleistung
die geistige durch digitale Computation. Erregende, grenzüberschreitende,
seltsame Schleifen bildende Interaktion und Kommunikation zwischen
„Maschine Mensch“ und „Mensch Maschine“. Nun aktiviert das Motorium
des Menschen das Sensorium der Maschine und das sichtbare Motorium
der Maschine das Sensorium des Menschen. Instrumentalisierung des
Menschen und Personifizierung der Maschine. Beide arbeiten zusammen,
spielen und reden miteinander, „ärgern und freuen sich.“ Künstliche
Intelligenz, künstliches Leben, Eroberung virtueller Räume,
Cyberspace, digitale Netzkultur ... Hinter diesen „Spielereien und
Spinnereien“ verbirgt sich eine einzigartige Abstraktionsleistung
menschlichen Denkens als Ergebnis weltbewegender Kunst- und Kulturentwicklungen.
Im unerschöpflichen Wechselspiel von Form und Bewegung in Raum
und Zeit wurden nacheinander unterschiedliche Dimensionen
abstrahiert: Zuerst die Dreidimensionalität des Körpers,
das „zeitlos“ Gegenständliche der Skulptur und Architektur,
daraus die Zweidimensionalität der Fläche, des Bildes,
der Malerei, danach die Eindimensionalität der Linie, Herrschaft
der Schrift und Literatur, und schließlich die unüberbietbare
Spitze: die Dimensionslosigkeit des Punktes und der Information.
Über die Bildpunkte (Pixels) der Bildschirme ist nahezu alles
projizierbar. Allmächtiges
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Herrschaftsinstrument der
Medien- und Netzkultur, die mit ihren „zeitfressenden Bildschirmaltären“
die „Kolonisierung“ der körperlichen, geistigen und seelischen
Lebenswelten betreibt. Dieses Abstraktionsspiel wird
im Kontext des Gegenständlichen der Stiegenhausarchitektur
in weißschweigender Fläche auf senkrechten Linien
durch signalabfeuernde Lichtpunkte und bewegte Körper
auf den Punkt und zur Sprache gebracht. Grandiose
Reduktion eines weltgeschichtlichen Prozesses
auf das Wesentliche, den Höhe- und Wendepunkt
der Abstraktion, die Spur der Differenz. Im Rausch des Erneuerns,
im Erfinden und Finden des Neuen reichen sich Kunst, Technik,
Medien und Wirtschaft in hochkomplexen Kreisläufen gegenseitig
dienend die Hände; je stärker die Abweichung oder
der Unterschied, desto größer die Dynamik der Märkte,
Profite und Macht, aber auch die Kehrseite ihrer parasitären
und paradoxen Medaille. Die Schnellen gewinnen und bestimmen,
die Langsamen verlieren. Dieses Spiel des Lebens thematisiert
sich selbst im Kontext von Architektur, Schulgeschehen und
"Sprache sehen". Täglich erlebbar im schwindelerregenden
Kopfschütteln am Rande schwindelerregender Schächte
eingedenk schwindelerregender Erkenntnisse im Strudel und
Sog ebensolcher Zirkularitäten.
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Prof. Mag. Erich Troy
HTL Bregenz
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